Angst
Im
richtigen Ausmaß und zur richtigen Zeit kann Angst schützend und
lebensrettend sein. Angst ist unser Freund und wichtigster
"Schutzengel", so lange sie uns auf reale oder zumindest potenzielle
Gefahren aufmerksam macht. Ein in Relation zur tatsächlichen Bedrohung überhöhtes Maß oder ein ständig das Bewusstsein beherrschendes
Angstgefühl, das sich verselbständigt hat und dann unabhängig von
realen Gefahren vorhanden bleibt, kann die Lebensqualität allerdings in
unerträglicher Weise zerstören.
Ur-Emotion Angst
Angst dient wie keine andere Emotion dem unmittelbaren Überleben und löst genetisch verankerte Reflexe aus, insbesondere den Flucht- sowie den Totstellreflex. Wenn unsere prähistorischen Ahnen das Gebrüll eines Höhlenbären oder das Geheul eines Wolfsrudels hörten, war es in den meisten Fällen sicherer, deren Revier zu verlassen. Das galt insbesondere dann, wenn unsere Vorfahren alleine waren und sich realistischerweise der Gefahr ausgeliefert fühlten. In einer schützenden Gruppe oder Versehen mit geeigneten Möglichkeiten zur Gegenwehr war das ganz anders, dann konnte aus der lebensbedrohlichen Gefahr eine Herausforderung werden.
Das heißt, Angst war schon damals immer auch mit Bewertungen verbunden; und so ist es noch heute: Fühle ich mich hilflos der möglichen Gefahr ausgeliefert oder gibt es bewährte Schutzmechanismen, auf die ich mich verlassen kann?
Dieser Bewertungsunterschied ist wichtig für die Therapie.
Das biographische Angstgedächtnis
Auch individuelle Angsterfahrungen haben unmittelbar etwas mit einer gefühlten Bedrohung der körperlichen oder seelischen Unversehrtheit zu tun und hinterlassen im Langzeitgedächtnis im Fall des Überlebens deshalb Musterlösungen, die künftig spontan bei allen sich anbahnenden ähnlichen Situationen abgerufen werden. Dadurch werden die Reaktionszeiten verkürzt und die Überlebenschancen erhöht. Allerdings entziehen sich diese Reaktionsmuster dadurch auch komplett der verstandesmäßigen Überprüfung in der Situation und nehmen den Nachteil in Kauf, ihren ursprünglichen Sinn zu verlieren und sogar kontraproduktiv zu werden. So kommt es, dass wir als Erwachsene in Situationen Angst verspüren, die unser Verstand gar nicht als besonders gefährlich einstuft.
Dass der Verstand recht hat, nützt nichts, weil die emotional gesteuerten Programme eine höhere Wertigkeit besitzen.
Strategien gegen die Angst
Angstvermeidung oder: wie die Lösung zum Problem wird
Gefahren zu vermeiden, wenn wir uns hilflos fühlen, hat
sich im Sinne der Evolution bewährt und steckt uns deshalb bis heute
noch in den Genen. Manchmal bewährt sich die Strategie immer noch: wenn wir Angst vor so unsinnigen Dingen wie Bungeespringen haben, können wir mit dem Vermeiden im allgemeinen gut leben. Bei der Angst, ein Kaufhaus zu betreten, beginnen aber selbst in Zeiten des Internethandels vielleicht schon die Einschränkungen, und manchen Ängsten können wir gar nicht ausweichen, weil sie in unserem eigenen Unterbewustsein sitzen.
Kontrollierte Konfrontation
Die
sinnvollste Strategie ist sicher die, sich seinen Ängsten zu stellen
und andere Verarbeitungs- bzw. Reaktionsmuster zu erlernen. Angst als
eine ganz natürliche Herausforderung anzunehmen, ist dabei schon der
erste und wichtigste Schritt. Bei echten Angststörungen gehört dazu
aber ein behutsames Vorgehen, das im allgemeinen einer professionellen
Begleitung bedarf, um sich an die jeweils verträgliche Dosis heran zu
tasten. Unabhängig von den natürlich sehr unterschiedlichen
Ausdrucksformen und Ursachen von Angststörungen, ist die Grundfrage
immer die der Beherrschbarkeit: bin ich der Angst hilflos ausgeliefert
oder kann ich lernen, kontrolliert mit ihr umzugehen?
Bewertungen verändern
Bis zu einem gewissen Schwellenwert ist Angst nicht gefährlich, und sie vergeht wieder, wenn der Organismus sie nicht mehr braucht. Wichtig ist nur, dass wir sie als unseren Freund annehmen anstatt sie wie einen Feind zu bekämpfen. Denn dann erst machen wir selbst sie zu einem Gegner, dem wir dann nicht gewachsen sind. Nicht die Angst ist dann unser Problem, sondern unsere Angst vor der Angst.
Schutzressourcen aktivieren
Bei biographisch entstandenen Angststörungen, die noch nachwirken, wäre der therapeutische Ansatzpunkt nicht die Angst selbst, sondern die Lebenssituation, in der sie entstanden ist. Hier gilt es, dem Unbewussten zu vermitteln, dass der Schutzmechanismus Angst nicht mehr benötigt wird, weil sich die Situation geändert hat und weil der Betroffene neue Erfahrungen und Ressourcen erwoben hat, die eine neue Form der Verarbeitung ermöglichen.
Angsttherapie
Früher haben kleine
Kinder auf ganz selbstverständliche Weise gelernt, mit Angst umzugehen, indem sie
sicher und geschützt auf dem Schoß von Papa oder Mama saßen und sich
gruselige oder traurige Märchen anhörten. Während ein Teil ihres
Bewusstseins sich virtuell mit den Gefahren auseinandersetzt, weiß sich ein
anderer Teil geschützt. Leider scheint diese präventive Methode immer mehr aus der Mode zu kommen.
Das
Prinzip aber, nämlich eine behutsame Konfrontation mit der Angst aus einem sicheren Umfeld heraus, liegt auch jeder sinnvollen therapeutischen Strategie zugrunde, die virtuelle Verbindung angstauslösender Szenen mit Schutzressourcen. Bei biographisch entstandenen Angststörungen gehören zu diesen Ressourcen insbesondere das Wissen, dass der Auslöser in der Vergangenheit liegt und heute eigentlich nicht mehr (in dem Maße) real existiert und das Wissen, dass Ihnen heute mehr Erfahrungen und andere Strategien zur Verfügung stehen als damals. Auch, wenn diese neuen Möglichkeiten zunächst nur in den Verstandesbereichen zur Verfügung stehen. Therapie besteht darin, Vernünftiges des Unterbewusstsein so zu vermitteln, dass es dort auch verstanden und angenommen wird.
siehe auch:



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