Autogene Bilder  

gegen die

Reizüberflutung

des Alltags

 

Autogenes Training

“Autogen” bedeutet “selbst erzeugt” bzw. “von innen heraus”. Als “Autogenes Training”(AT) bezeichnete der Psychiater Johannes Heinrich Schultz in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die von ihm entwickelte Methode der Selbsthypnose. Das Autogene Training wird in der Grundstufe vor allem als Methode der autosuggestiven Entspannung und Stressbewältigung eingesetzt, hat aber darüber hinaus ein wesentlich weiter reichendes Anwendungspotential.

Leider wird mit dem Begriff des Autogenen Trainings vor allem im Rahmen des Wellnessbooms sehr viel Etikettenschwindel betrieben, und Vieles, das unter dem Begriff angeboten wird, hat mit Autogenem Training in Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. Das gilt auch für zahllose Anleitungen in Büchern oder auf CDs, wo vor allem Phantasiereisen unter dem Begriff “Autogenes Training” vermarktet werden.

Gute Trainer, die den Sinn des Autogenen Trainings nicht nur verstanden haben, sondern auch ernst nehmen, erkennt man u. A. daran, dass sie den anfänglichen Erwartung vieler Kursteilnehmer, möglichst ab der ersten Sitzung bereits tiefe Entspannung zu erfahren, widerstehen und den Teilnehmern ein aktives Lernen und Üben zumuten, auch wenn der Erfolg sich bisweilen erst nach Wochen oder sogar Monaten einstellt. Passiv in einen Zustand der Entspannung hineingeführt zu werden, wird zwar von vielen teilnehmenden Laien zunächst als angenehm empfunden ("toll, ich war ganz weg!"), vermittelt aber kein eigenes Können. Und Ziel des AT ist es, schließlich in der Lage zu sein, seinen Organismus innerhalb einer Minute in den gewünschten Zustand zu bringen. Das hilft im Alltag wesentlich mehr als gelegentlich eine Wellness-Oase aufzusuchen.

Deswegen sei Anfängern auch empfohlen, die Übungen im Sitzen durchzuführen. Liegen ist zwar entspannter, aber die aktive Konzentration ist zumeist im Sitzen höher, und konzentrative Selbstkontrolle ist in der Grundstufe zunächst wichtiger als tiefe Entspannung.

Von der Selbstinstruktion zur Inneren Achtsamkeit

Ein weiterer und sehr gravierender typischer Anfängerfehler besteht darin, sich zu sehr an die verbalen Formeln zu hängen, mit denen die Übungen oft eingeleitet werden. Die bewirken eigentlich gar nichts, im Gegenteil: sie verhindern zumeist die innere Achtsamkeit als wichtigste Grundbedingung für ein gutes Autogenes Training. Der menschliche Organismus ist grundsätzlich ein sich selbst regulierendes biologisches System, das zwar mit dem Bewusstsein in einer Wechselbeziehung steht, aber ausgesprochen bockig auf Befehle reagiert. Direkte (Auto-) Suggestionen erzeugen oft unnötigen Widerstand und verlängern die Zeit des Einübens erheblich, manchmal blockieren sie auch dauerhaft das gewünschte Ergebnis. Die effizientere Technik besteht zumeist darin, ohne direkte Anweisungen zu arbeiten und sich lediglich bewusst auf die relevanten Körperwahrnehmungen zu konzentrieren. Der Organismus reguliert sich zumeist viel besser von selbst als durch willkürliche Befehle, wir müssen ihm allerdings die Gelegenheit dazu geben und den Prozess der Selbstregulierung durch innere Achtsamkeit unterstützen. Genau genommen wird das Prinzip des “Autogenen”€ohnehin erst dann erfüllt, wenn wir erreichen, dass sich der gewünschte Effekt auch unwillkürlich einstellt.

Auch sollte das Autogene Training nicht nach dem Motto "viel hilft viel" überfrachtet werden, im Gegenteil: Sich innerhalb eines idealen Übungszeitraumes von maximal ca. 20 Minuten auf eine einzige Übung zu konzentrieren, ist zumeist sehr viel sinnvoller als mehrere Übungen nacheinander durchzuführen. Und mit je weniger Anweisungen wir zum Ziel kommen, desto besser.  

Unterstufe / Grundstufe

Schultz hatte in der Grundstufe des AT sechs Übungen zusammen gestellt, die einige der wichtigsten Stressreaktionen des Körpers ausgleichen und den Organismus in den Ruhezustand zurück führen:

  • Schwere
  • Wärme
  • Atmung
  • Sonnengeflecht
  • Herzübung
  • Kühle der Stirn

Das Prinzip der Grundstufe besteht darin, dass ich mit Hilfe mentaler Konzentration Kontrolle über die Funktionsbereiche meines Körpers gewinne, die normalerweise nicht dem bewussten Willen unterliegen, sondern vom sogenannten vegetativen-/autonomen Nervensystem gesteuert werden, das in Stresssituationen die körperlich-seelischen Reaktionen steuert.

Die Übungen bestehen aus drei Phasen:

  1. Einstimmung
  2. Übung
  3. Rücknahme

 

Oberstufe: autogene Imagination

In der Oberstufe des Autogenen Trainings steht nicht die mentale Kontrolle des vegetativen Nervensystems im Mittelpunkt, sondern die konzentrative Versenkung in eine Imagination. Das kann sein:

  • eine Farbe
  • eine Landschaft
  • eine Pflanze
  • ein Tier
  • ein abstrakter Begriff

Die Oberstufe des AT kann aufgefasst werden als eine Technik der

  • Meditation
  • Selbsterfahrung
  • Therapie

 

Autogene Imaginationen sind innere Bilder, in denen sich emotionale Zustände wie zum Beispiel Stress, innere Anspannung, Angst, aber auch angenehme Zustände wie Entspanntheit oder innere Ruhe in symbolischer Form ausdrücken.

Eine einfache Übung der Oberstufe besteht beispielsweise darin, nach einer ersten Phase der Entspannung eine Farbe zu visualisieren. Dabei sollte man eine Farbe wie von selbst auftauchen lassen und ihre Entwicklung meditativ vor dem inneren Auge wahrnehmen. Andere Motive können eine Wiese sein oder ein Berg oder ein Wald - ähnlich wie beim katathymen Bilderleben. 

Anders als Schultz bin ich nicht der Auffassung, dass die Oberstufe des AT erst nach vollständiger Beherrschung der Grundstufe angegangen werden sollte. Sie baut nicht auf der Grundstufe auf, sondern ist von ihr im Prinzip unabhängig. Allerdings beeinflussen vorangestellte Grundstufen-Übungen die emotionale Tönung der autogenen Imaginationen positiv im Sinne von Entspannung und helfen der Konzentration.

Die Oberstufe des AT ist mit dem katathymen Bilderleben verwandt, eignet sich aber mehr auch zu einer selbstständigen Anwendung. Sie kann als Meditationsübung helfen, der Reizüberflutung des Alltags etwas entgegenzusetzen, hat aber auch eine therapeutische Qualität, indem sie in der unwillkürlichen Weiterentwicklung der inneren Bilder auch Selbstheilungskräfte stimuliert.

Autogene Imagination als therapeutische Methode

Die Oberstufe des Autogenen Trainings hat bereits ein therapeutisches Potential, das in der psychotherapeutischen Praxis noch weiter genutzt und ausgebaut werden kann. Die Autogene Imagination ist dann natürlich kein "übendes Verfahren" mehr, sondern eine psychotherapeutische Technik, die entsprechende fachliche Begleitung erfordert und sich auch eher für Einzelsitzungen eignet als für Gruppen. Der Übergang zur katathym-imaginativen Psychotherapie ist dann fließend. Wir arbeiten dann im weiteren Verlauf der Therapie zumeist immer weniger mit vorgegebenen Grundmotiven, sondern zunehmend mit Bildern, die sich ohne inhaltliche Vorgaben allmählich weitgehend eigenständig aus einem Körpergefühl heraus entwickeln.

Zusammen mit der Stimulation der Selbstheilung führt die autogene Imagination auch zu einen Prozess der Selbsterkenntnis, die sich aber nicht, wie in der Psychoanalyse, als intellektuelle Deutung biographischer Daten ergibt, sondern als ein zunehmendes intuitives Verstehen bisher unterbewusster Vorgänge.

Arbeit mit körperlichen Symptomen

Krankheitssymptome sind in der Regel vor allem gefühlte Problemzustände. Wir spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, zum Beispiel einen Schmerz oder ein Herzrasen oder ein Druckgefühl in der Brust.

Erfahrungsgemäß gelingt der kontrollierte und regulierende Zugang zu gefühlten Symptomen in allgemeinen besser, wenn noch ein weiterer, insbesondere der visuelle Wahrnehmungskanal hinzu kommt, wenn also beispielsweise ein Kopfschmerz als Gewitterblitz visualisiert wird oder ein Angstgefühl als ein gefährliches Tier oder als eine Person aus der Vergangenheit. Der Transfer in eine imaginative Form ermöglicht die Bearbeitung entsprechend der imaginativ-therapeutischen Vorgehensweise.

Die zu klärende Frage ist zunächst natürlich: ist das Symptom weitgehend selbständig oder steht es als Ausdruck eines tiefergehenden Problems? Beides ist möglich:

chronisch gewordene Symptome sind oftmals solche, die sich von einem früher bestandenen Grundproblem losgelöst haben und gewissermaßen als gefühlte Gedächtnisspur übrig geblieben sind, nachdem das Grundproblem selbst längst nicht mehr existiert.

manchmal führt die Fokussierung auf das Symptom im therapeutischen Prozess aber auch erst zu dem verdeckten Grundproblem.

Ablauf

Wir beginnen mit einer Konzentrationsphase, in der vor allem Körperwahrnehmungen in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken.

Zu den Körperwahrnehmungen lassen wir "autogene Bilder" entstehen. Das können Szenen sein, aber auch Einzelbilder, manchmal auch abstrakter Art.

Meistens beginnen bald darauf die bildhaften Wahrnehmungen, die im Vertiefungszustand auftauchen, ganz von selbst, sich zu wandeln und eine positive Eigendynamik zu entwickeln. Manchmal ist es aber auch hilfreich, willkürlich steuernd einzugreifen, aber nur so viel, wie es unbedingt erforderlich scheint, um die kreativen Fähigkeiten des Unterbewusstseins nicht unnötig einzuengen.

Anwendungsbereiche:

Die Technik der Symptomimagination wird in der Regel nicht als keine eigenständige Therapieform genutzt, sondern als imaginatives therapeutisches Element eingebettet in andere, kompatible Behandlungsansätze, zum Beispiel bei folgenden Anwendungsgebieten:

  • Schmerztherapie, insbesondere bei chronischen Schmerzen und Schmerzen mit psychosomatischem Hintergrund
  • Psychoneuroimmunologie: Stimulation des Immunsystems z. B. bei Infekten, aber auch als unterstützende Methode bei Krebserkrankungen
  • Herzneurosen und andere Angststörungen mit körperlicher Symptomatik
  • Psychosomatische Störungen
  • Angstgefühle