das therapeutische Gedächtnis
Unser Gedächtnis bildet neben den Emotionen die für die Psyche wichtigste Funktion des Gehirns.
Warum haben wir ein Gedächtnis?
Die Entwicklung eines Speichersystems für Erfahrungen war in der evolutionären Entwicklung unseres Gehirns ein echter Quantensprung. Denn nun erst war es möglich, frühere Erlebnisse wieder abzurufen und damit vor allem Muster für Problemlösungen in allen ähnlich gelagerten Situationen. Damit spart das Gehirn unendlich viel Energie, geistigen Aufwand und Zeit. Jede Sinneswahrnehmung kann unterbewusst und automatisch in Bruchteilen von Sekunden alle die Handlungs- und Denkmuster wieder abrufen, die uns in ähnlichen früheren Situationen schon einmal mehr oder weniger nützlich waren.
Natürlich hat diese Fähigkeit auch gewisse Nachteile: Es kann ja sein, dass die alten Muster früher einmal nützlich waren, es aber heute nicht mehr sind. Und es kann sein, dass sich manche Muster früher nur deshalb abgespeichert hatten, weil uns damals keine anderen Optionen zur Verfügung standen, zum Beispiel in der Kindheit.
Deswegen hat unser Gedächtnis noch eine andere Fähigkeit: Es kann neue Informationen mit alten zusammenfügen und damit seine Funktion verbessern. Mit dieser Eigenschaft verändert sich allerdings auch der Inhalt des Gedächtnisses. Unser Gehirn ist dadurch in der Lage, sich aufgrund neuer Erkenntnisse neu zu organisieren.
Um es deutlicher zu sagen: für unser Gehirn spielt "Wahrheit" im Sinne objektiver Aufzeichnungen eigentlich keine Rolle, weil sie biologisch keinen Sinn macht. Deshalb gibt es sie auch nicht. Erinnerungen machen nicht aus Erkenntnisinteresse Sinn, sondern weil sie uns helfen können, Energie zu sparen und uns in unserem Leben zurecht zu finden. Deshalb geht unser Gedächtnis mit der objektiven Wirklichkeit ziemlich flexibel um.
Weil der Umbau von Erfahrungen und Denkmustern aber zeit- und energieaufwändig ist, wehrt sich unser Gehirn zunächst einmal dagegen. Manchmal braucht es gezielte Anregungen und einen Motivationsschub, um an alte Muster heranzugehen, vor allem dann, wenn sie schon sehr etabliert sind. Aber es geht. Und was Polizei und Gerichte in die Verzweiflung treiben kann - die Kreativität unseres Gedächtnisses - ist in der psychologischen Beratung und Therapie ein Segen.
So gesehen kann man sagen, dass Psychotherapie im wesentlichen darin besteht, dem biographischen Gedächtnis neue Informationen zu vermitteln, die dann integriert werden. Dabei geht es nicht um Geschichtsfälschung, sondern um veränderte Sichtweisen, die der aktuellen Realität entsprechen und besser sind als die alten. Konkret: als Erwachsene können wir lernen, auch mit früheren Erfahrungen anders umzugehen als wir es damals konnten. Und genau das muss sich als neues Wissen abspeichern - aber nicht im semantischen Gedächtnis (dort, wo nüchterne Daten abgelagert werden), sondern im biographischen Gedächtnis (das für das Abspeichern von Erlebnissen zuständig ist). Deswegen nützt es nichts, die Dinge intellektuell zu analysieren, sondern wir müssen erlebnisorientiert vorgehen.
Erlebnisse können dabei auch virtueller Art sein, denn für unser Gehirn macht es keinen Unterschied, ob wir etwas in der Realität erleben oder in der Welt unserer Vorstellungskraft. Nur eine ausreichende Intensität muss erreicht werden.
Natürlich ist das in der Praxis nicht immer einfach. Besonders stark angstbesetzte Erinnerungen sind relativ resistent gegen Veränderungen. Das hängt damit zusammen, dass Angsterfahrungen biologisch und psychisch als besonders eng mit dem unmittelbaren Überleben assoziiert werden. Die Psyche will sich vor erneuten Angsterfahrungen schützen und hält deshalb die Erinnerung an alte Angsterfahrungen aufrecht.
Problemerinnerungen vermeiden?
Problematisch
ist dieser Mechanismus insbesondere bei Auslösereizen, die traumatische
oder angstbesetzte biographische Gedächtnisinhalte wieder hervorholen.
Traumatische Erinnerungen lösen auch wieder traumatische
Gefühlszustände aus.
Eine
häufige und durchaus natürliche Reaktion besteht dann darin, diese
Auslöser möglichst zu vermeiden, um von aufwühlenden oder schmerzlichen
Zuständen verschont zu bleiben. Und es gibt viele psychologische
Helfer, die solche Vermeidungsstrategien unterstützen und statt dessen
empfehlen, sich auf positive Zielvisionen zu konzentrieren nach dem
Motto: was ich mir anschaue, mache ich größer, also schaue ich mir
keine Probleme an, sondern Ziele.
Wir
sind aber, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, von unserer
Vergangenheit geprägt, und Vermeidungsstrategien, selbst wenn sie
erfolgreich wären (was sie im allgemeinen nicht sind), kosten auf Dauer
unnötig viel Energie und schränken die Lebensqualität ein, weil eine
unterschwellige Angst immer erhalten bleibt. In unserer Seele sind
konkrete, emotionale Erfahrungen der Vergangenheit immer stärker
wirksam als konstruierte Zukunftsvisionen.
Therapeutische Erinnerungen
Es
kommt also nicht darauf an, was wir uns anschauen, sondern wie wir das
tun. Wir können mit dem Erinnern in eine Problemtrance fallen, die den
unguten Gefühlszustand verfestigt oder wir können uns aus ihr befreien.
Psychotherapie besteht im wesentlichen aus aktivem Erinnern, verstanden
als konstruktiver Prozess der Neuverarbeitung. Das geschieht natürlich
nicht automatisch, sondern erfordert, dass der Prozess des Erinnerns in
der therapeutischen Situation aus einem guten Gefühlszustand heraus
erfolgt, also zum Beispiel einem Gefühl der Stärke, der Sicherheit oder
der Neugier. Den zu erreichen, ist vorrangige Aufgabe der Therapie.
Erlebnisorientierte Erinnerungen
In
der Imaginationstherapie arbeiten wir hauptsächlich erlebnisorientiert
an biographischen Problemszenen. Wir sprechen also nicht analysierend
oder deutend über die eigene Vergangenheit, sondern reaktivieren und
bearbeiten die entsprechenden Szenen in tagtraumartigen Imaginationen,
weil das stärker wirkt als das bloße Darüber-Reden.

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