Stress: Gefahr für Leib und Seele

Stress entsteht, wenn der Organismus sich genötigt sieht, Energiereservenfreizusetzen, die er für Notfälle bereit hält. Und ein Stressgefühl entsteht, wenn wir spüren, dass unsere Bewältigungsmöglichkeiten an ihre Grenzen stoßen.  

Akuter Stress ruft genetisch einprogrammierte, uralte Reaktionsmuster ab. Die gefährlichsten Stressoren im Leben unserer prähistorischen Vorfahren waren akute Bedrohungssituationen im Kampf mit wilden Tieren oder Feinden. Und dann gab es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Kampf oder Flucht. Und in beiden Fällen war es überlebenswichtig, dass der Organismus in Bruchteilen von Sekunden so viel Energie wie möglich zur Verfügung stellt. Diejenigen unserer Vorfahren, bei denen die diese Reaktionsmuster am schnellsten und spontansten abliefen, hatten die besten Überlebens- und damit auch Fortpflanzungschancen.

Das heißt, von denen stammen wir ab. Die anderen, die erst abgewogen und überlegt hatten, was am besten zu tun sei, sind im Laufe der Entwicklungsgeschichte ausgestorben, denn Denken kann in Gefahrensituationen die entscheidenden Zehntelsekunden zu lange dauern. Heute hätten diese anderen mit Sicherheit die besseren Karten, denn in den meisten modernen Stresssituationen wäre Ruhe bewahren und gelassen zu reagieren, eindeutig von Vorteil. Aber, wie gesagt, von denen stammen wir nicht ab, und deswegen steckt der Impuls, im Stress aggressiv zu reagieren oder aber die Flucht zu ergreifen, uns in den Genen.  Der Körper reagiert entsprechend.

Zu den wichtigsten Stressreaktionen gehören:

  • die Muskelspannung steigt
  • der Blutdruck erhöht sich
  • der Herzschlag wird beschleunigt
  • die Aufmerksamkeit wird verengt
  • die Blutverteilung im Körper verändert sich
Nachdem Stress tritt im Normalfall eine Erschöpfungs- und Erholungsphase ein, nach der sich das energetische Gleichgewicht wieder einpendelt. Das ist unverzichtbar für die körperliche und seelische Gesundheit. Stressbedingte Erkrankungen entwickeln sich aus einem Missverhältnis zwischen Anspannung und Entspannung, indem die Zeit und vor allem die Qualität der Regeneration nicht mehr ausreicht, das innere Gleichgewicht wieder herzustellen.  

positiver und negativer Stress

Stress können wir subjektiv als Herausforderung (Eustress) oder als Überforderung (Distress) empfinden. Wie unsere prähistorischen Vorfahren, die in Gefahrensituationen die Wahl zwischen Kämpfen oder Fliehen hatten, können wir im Prinzip den Stress offensiv als Herausforderung annehmen oder als Überforderung und Bedrohung, der es zu entfliehen gilt. Das Problem ist nur, dass diese Entscheidung im wesentlichen unser Unterbewusstsein trifft und der bewusste Wille zunächst gar nicht gefragt wird, und dass diese unbewusste Entscheidung sich an unseren Persönlichkeitsmerkmalen orientiert und nicht (auch) an der Frage, ob es überhaupt realistisch, der Stresssituation zu entfliehen oder nicht. Wenn nun unser Unterbewusstsein sich für einen Rückzug aus dem Stress entscheidet, der “Kopf” oder die Realität aber sagt, “das geht nicht”, haben wir einen klassischen inneren Konflikt, der weitere Energie verbraucht, bis sich das Unterbewusstsein schließlich durchsetzt (das tut es schließlich immer!). Das Ergebnis ist dann ein burnout-Syndrom, also eine komplette seelische Erschöpfung.

Herausforderungsstress setzt dagegen Energiereserven frei und sorgt dafür, dass wir Stresssituationen sehr viel länger durchhalten. Da Eustress aber auch glücklich machen kann, hat er ein gewisses Suchtpotential. Deswegen sollte auch positiver Stress immer wieder von Erholungs- und Ruhephasen abgelöst werden, sonst kommt auch hier schließlich der Zusammenbruch und mit ihm der Fall in die Depression.  

chronischer Stress

Auf lang anhaltenden Stress ist unser Organismus genetisch eigentlich nicht eingerichtet. Er kann sich aber weitgehend an Stress als Dauerzustand gewöhnen und seine körperlichen und seelischen Regelkreise entsprechend einstellen. Der Preis, den er für seine Anpassung zahlt, besteht aber häufig darin, dass er den anderen Zustand, den der Entspannung und des Loslassens, nicht mehr als einen Normalzustand empfindet, sondern seinerseits als Bedrohung, der es auszuweichen gilt. Chronisch Gestresste entwickeln deshalb oft eine Angst vor echter Entspannung, die unangenehme Gefühle verursacht, und entwickeln stattdessen Alibi-Entspannungen in Fitness-Studios oder bei der Gartenarbeit, die in Wirklichkeit gar keine sind, sondern nur andere Formen der Hyperaktiovität.

emotionaler Stress

Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer sind natürliche Zustände, die nicht schon als solche ungesunden Stress bedeuten - sofern sie situationsangemessen sind, nicht zu hoch dosiert sind und nicht zu lange anhalten. Jeder von uns hat einen individuellen Grenzwert, bis zu dem emotionaler Stress noch kontrollierbar ist. Bei Überschreitung setzt die verstandesorientierte Möglichkeit der Regulierung aus; wenn die Emotionen in hoher Dosis oder lang anhaltend das Gehirn überfluten, hat das vernünftige Denken keine Chance mehr, das Denken wird vom Gefühl manipuliert und liefert bestenfalls noch scheinrationale Argumente.

Mit mentalen Trainingsmethoden können wir lernen, typische aktuelle Stresssituationen zu entschärfen und die Kontrolle zu verbessern. Und mit geeigneten Entspannungstechniken läßt sich das Grundniveau unserer inneren Angespanntheit senken. Wir regen uns dann zwar immer noch auf, überschreiten aber nicht mehr so leicht unseren Grenzwert.

Schwieriger ist die Auflösung chronischer emotionaler Anspannungen, die sich von bestimmten Auslösereizen abgekoppelt haben und deren biographischer Ursprung lang zurück liegt und oft sogar nicht einmal ohne weiteres dem Bewusstsein zugänglich ist. Nicht selten ist z. B. eine chronische Wut zunächst gar nicht als solche sichtbar, sondern versteckt in diversen körperlichen Symptomen bzw. Erkrankungen. Hier sind natürlich dann therapeutische Hilfen angesagt. In der Imaginationstherapie können wir beispielsweise daran arbeiten, zunächst körperliche Symptome in adäquate Bilder umzuwandeln, die therapeutisch leichter zugänglich sind als die gefühlten Zustände. 

Reizüberflutung

Der Arbeitsspeicher unseres Gehirns hat nur eine begrenzte Kapazität. Ist diese erreicht, so braucht das Gehirn eine Zeit der Regeneration, in der es die angesammelten Daten sortiert und filtert, indem es entscheidet, welche von Bedeutung sind und deshalb dauerhaft abgespeichert und vernetzt gehören und welche weniger wichtig sind oder in das bestehende Netz aus schon vorhandenen Daten nicht integriert werden können und deshalb vergessen werden sollen. Dieser Prozess geschieht weitestgehend unbewusst und automatisch. Danach ist der Arbeitsspeicher im Prinzip wieder frei und bereit, neue Informationen aufzunehmen.

Ohne Regeneration gibt es zwei Möglichkeiten: entweder das Gehirn schmeißt einen Teil der Daten unverarbeitet heraus oder es blockt die Aufnahme neuer ab. Wir spüren das, indem wir entweder vergesslich werden oder unkonzentriert oder beides. Und oft ärgern wir uns dann und versuchen, die Konzentration zu erzwingen, was aber nicht gelingt. Und dann beginnen wir, noch mehr Fehler zu machen und zweifeln an unserer Leistungsfähigkeit. Unsere Mitmenschen merken das zumeist eher als wir selbst, und wenn sie uns darauf ansprechen, reagieren wir je nach persönlicher Prägung: entweder gereizt und aggressiv, im Extremfall unterstellen wir ihnen sogar Bösartigkeit oder mobbing. Oder mit Selbstvorwürfen und schließlich Verlust des Selbstwertgefühls.

Entspannungspausen reichen oft schon aus

Die Natur hat als Zeit der Regeneration die Nachtruhe vorgesehen. Während in den Tiefschlafphasen der Körper regeneriert, sorgt das Gehirn in den Traumphasen für ein mentales Aufräumen. Die Zeit der Nachtruhe hat bei unseren prähistorischen Vorfahren hat wahrscheinlich auch ausgereicht. Für uns nicht, dazu ist die Datenflut viel zu groß geworden. Wir brauchen auch tagsüber mehrere Auszeiten mit sinnvollem Nichtstun. Das ist oft gar nicht so leicht, denn der Organismus versucht, sich auf Stress einzustellen, und wenn der erst einmal chronisch geworden ist, so empfinden wir das plötzliche, ungewohnte Nichtstun als Stress, als mentale Leere. Statt zu entspannen suchen wir dann lieber die Ablenkung oder dröhnen uns mit Tabletten, Alkohol oder anderen Giften das Hirn zu.  

Stresstherapie: Wege aus dem Stress

In der psychologischen Arbeit mit Stressbelastungen gibt es im wesentlichen zwei Ansatzpunkte:
  • a) auf der Verhaltensebene: wie kann ich lernen, in typischen Stresssituationen anders zu reagieren?
  • b) auf der Verarbeitungsebene: wie verarbeitet mein Unterbewusstsein emotionale Stresserlebnisse und wie kann ich diesen Prozess steuern lernen?
 

Verhaltensebene

 Auf der Verhaltensebene arbeiten wir mit imaginierten Realszenen wie im NLP (=neurolinguistisches Programmieren) oder im Mentaltraining. Deren Wirkung beruht im wesentlichen darauf, dass sich imaginierte Verhaltensmuster im Gehirn genau so abspeichern wie real durchgeführte. Im Vergleich zu realen Erfahrungen lassen sich virtuell die Übungen dabei jedoch präziser durchführen und es lassen sich zusätzliche suggestive Elemente in den Trainingsablauf einbauen, die in der Realität nicht in dem Maße zur Verfügung stehen.  

Verarbeitungsebene

Imaginationstherapie besteht im Kern darin, unbewusste Verarbeitungsmuster für emotionalen Stress bewusst zu machen und zu verbessern.

Die biographischen Wurzeln emotionaler Stressverarbeitung liegen in einer Lebenszeit, in der eine bewusste und kontrollierte Verarbeitung entwicklungsbedingt noch gar nicht möglich war. Wir können davon ausgehen, dass bereits das Embryo Stress ausgesetzt ist, den es über die Körperempfindungen im Mutterleib erfährt. Blutdruck, Herzschlag und andere physiologische Parameter, die durch Stress beeinflusst werden, sind die ersten Umwelterfahrungen des Embryos. Der Geburtsvorgang ist dann ein weiterer und sehr massiver Stressfaktor, der das entscheidende Tor darstellt, durch das wir erstmals aus der völligen Versorgtheit und Geborgenheit heraus gerissen und mit einer überaus komplexen und unbekannten Wirklichkeit konfrontiert werden, in der wir nun den Kampf ums Dasein zunehmend mit eigenen- und dazu noch äußerst unzureichenden Mitteln gestalten müssen.

Die mentale Verarbeitung der ersten Stresserfahrungen geschieht in der Phase vor der Entwicklung des Verstandesbewusstseins praktisch ausschließlich in Träumen und durch tagtraumartige imaginative Prozesse. Spätestens hier entscheidet sich, wie wir künftig in emotionalen Stresssituationen reagieren und welche Mittel wir zur Verarbeitung einsetzen.

Aber natürlich haben auch spätere Stresserlebnisse, insbesondere traumatische Lebensereignisse, einen prägenden Einfluss auf unsere Art, Stress wahrzunehmen und zu verarbeiten. Durch seelische Traumata können frühere, gute Verarbeitungsmuster auch zerstört und durch schlechte ersetzt werden.

Auch als Erwachsene verarbeiten wir Stresserlebnisse auf unterbewusster Ebene natürlicherweise vor allem in aufwühlenden Träumen. Nicht immer gelingt die Verarbeitung in angemessener Zeit, so dass sich Folgeerscheinungen wie Schlafstörungen, psychosomatische Gesundheitsstörungen oder Störungen des Immunsystems zeigen.

In der Imaginationstherapie greifen wir die symbolischen Muster der Träume auf und unterstützen den natürlichen Verarbeitungsprozess, indem wir die traumartigen Szenen auf eine höhere und damit besser kontrollierbare Ebene des Bewusstsein transferieren.