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Traumdeutung
Der
surrealistische belgische Maler René Magritte soll einmal auf einer
Ausstellung seinen spanischen Kollegen Dali davongejagt haben, nachdem
er beobachtet hatte, wie Dali gerade dabei war, einem Besucher ein
Magritte-Bild zu interpretieren. Offenbar wollte er nicht die subtile
Botschaft seines Bildes durch die armselige Sprache der Worte
zerstückelt sehen. Und er wollte nicht, dass Dali seine Sicht der Welt
zur Bezugsgröße für die Analyse eines Magritte-Bildes macht und es
damit fälscht.
Traumbilder
Traumbilder
haben die Menschheit immer schon fasziniert und zu Versuchen animiert,
ihnen Bedeutungen zuzuschreiben, sei es als göttliche Botschaften wie
in der Antike oder in der Bibel, sei es als Botschaften aus dem
Unbewussten wie im Zeitalter der Psychoanalyse.
Irrationales
magisches Denken ist noch heute in den unzähligen Traumdeutungsbüchern
zu finden, in denen versucht wird, Traumsymbolen bestimmte
allgemeingültige Bedeutungen zuzuschreiben. Deren wissenschaftliche
Qualität entspricht etwa der des Kaffeesatzlesens.
Für
Sigmund Freud war die Traumdeutung damals "der Königsweg" zum
Verständnis des Unbewussten, nachdem er sich von der zu seiner Zeit
praktizierten Art der Hypnose abgewandt hatte, die ihm als zudeckendes
Verfahren nicht geeignet schien, Licht in das Dunkel seelischer
Abgründe zu bringen. Ob aber gerade Traumdeutung diesem Anspruch
genügen kann, ist doch sehr zweifelhaft:
- Weder
Freud, noch Jung oder irgendein anderer Traumdeuter haben jemals den
Traum eines anderen Menschen wirklich kennen gelernt. Träume lassen
sich selbst mit den modernsten Apparaturen weder aufzeichnen noch in
Echtzeit von außen beobachten. Was ein Traumdeuter deuten kann, sind
lediglich Erinnerungen an Träume, nicht den Traum selbst. Und das ist ganz etwas anderes.
- Traumerinnerungen
mögen zwar plastisch und subjektiv echt sein, trotzdem ist das, was im
Bewusstsein ankommt, niemals identisch mit dem tatsächlichen
Traumerlebnis. Auf dem Weg ins Bewusstsein gibt es so viele Filter,
dass am Ende nur noch Fragmente und korrigierte Fassungen ankommen.
Gerade das, was nicht im bewussten Gedächtnis angekommen ist,
könnte aber gerade der Schlüssel zum Verstehen sein. Das gilt
insbesondere für Träume, in denen Verdrängtes eine wesentliche Rolle
spielt.
- Die Bewusstseinsebene bei der
Rekonstruktion eines Traumes ist eine andere als die des echten
Traumerlebnisses, und bei ihrer Schilderung üben die Logik der Sprache
ebenso Einfluss aus wie ein unwillkürlich hinzugefügtes Kontextwissen.
Das kann therapeutisch sogar durchaus sinnvoll und gewünscht sein,
verzerrt aber zunächst den Blick auf den Ursprungstraum.
- Der
Deuter deutet den Traum vor dem Hintergrund der ihm eigenen
Lieblingstheorie. Je nach Bezugstheorie kommen Traumdeutungen zu
komplett unterschiedlichen und sogar widersprüchlichen Ergebnissen. Es
ist die subjektive, ideologische Landschaft des Deuters, nicht des
Träumenden, die zur Deutung führt. Insofern sagt die Deutung eines
Traumes in der Regel mehr aus über die geistige Verfassung des Deuters
als des Träumenden.
Ist es deshalb sinnlos, Träume zum Inhalt eines therapeutischen Prozesses zu machen?
Nein,
ganz im Gegenteil: die Beschäftigung mit den eigenen Träumen /
Traumfragmenten ist ein wichtiges Instrument des inneren Dialogs. In
keinem anderes Medium drückt sich die Sprache des Unbewussten
so prägnant aus. Gerade deshalb kommt es aber darauf an, dieses
Verständnis nicht unnötig durch Deutungsschablonen zu blockieren. Wir
wollen lernen, unsere Träume zu verstehen, nicht zu erklären.

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